Margarine, jetzt auch in gelb!

Vielfach hört und liest mensch von seltsamen Gesetzen, die in einigen US-Bundesstaaten gelten. Von wegen am Sonntag keine Unterwäsche aufhängen und so. Da können sich dann alle super lustig drüber machen, über die dummen Amerikaner, vom Reinheitsgebot ganz zu schweigen.

Ähnlich schräge Gesetze gibt es aber auch in Kanada, unter anderem ist es verboten, Rohmilchkäse zu produzieren. Eines dieser Gesetze wird grade abgeschafft: bisher war es in Quebec verboten, Margarine in gelb anzubieten. Bis 1961 war Margarine in Quebec komplett verboten. 1987 setze die quebecer Milchlobby, die Angst hatte, Buttermarktanteile gegenüber der billigeren Margarine zu verlieren, durch, dass Margarine nur noch ungefärbt, also milchig-weiß verkauft werden konnte. Und das Gesetz bestand nicht nur auf dem Papier: 1997 wurden 384 Container gelber Margarine, die von Unilever eingeführt wurden, von der quebecer Regierung konfisziert. Die Margarineindustrie beklagte Millionenverluste und berief sich auf das Freihandelsabkommen und WTO-Richtlinien. Doch noch 2005 entschied der kanadische Supreme Court, dass das quebecsche Margarinegesetz mit der Verfassung im Einklang stehe. Die Margarineindustrie behalf sich in den 70ern mit gelben Farbeuteln, die mit der Margarine verkauft wurden und die Fleißige dann zu Hause in die Margarine rühren konnten.
Doch mit diesem Verbrechen ist jetzt Schluss, das quebecer Kabinett gab bekannt, das Gesetz nach der Sommerpause abzuschaffen. Niemand kann den hart arbeitenden Quebecois die gelbe Margarine vom Brot nehmen. Die Milchlobby hat damit kein Problem, inzwischen sei Margarine nämlich längst nicht mehr so angesagt wie in den 70ern.

Abtreibungsdebatte in Kanada

Jedes Sommerloch braucht eine Debatte. In Kanada handelt es sich dabei diesen Sommer um Abtreibung. Einmal gibt es einen Gesetzesentwurf, der den Fötusmord zur Strafsache machen will; außerdem wurde Henry Morgentaler, ein Artz der in den 80ern illegal Abtreibungen durchführte, Anfang Juli das kanadische Bundesverdienstkreuz, der Order of Canada, verliehen. Das führte nun dazu, dass mehrere Mitglieder dieses Order of Canada ihre Medaillen in Protest zurückschickten.

Fötusmord?

Der Teufel steckt im Detail. Ken Epp, konservativer Abgeordneter des kanadischen Unterhauses, brachte 2007 einen kleinen Änderungsvorschlag ins Parlament ein, die Bill 484. Der Vorschlag sieht vor, den Criminal Code dahingehend zu ändern, dass eine Person für den Tod eines ungeborenen Kindes im Bauch der Mutter zu bestrafen ist, wenn diese Person die Mutter schädigt oder tötet. Das heißt, jemand könnte für den Mord an einer schwangeren Frau für zwei Morde angezeigt werden, wenn der Fötus nicht überlebt. Das klingt auf den ersten Blick vielleicht ganz human – und so argumentierte Epp auch im Parlament: mensch müsse sich nur den Verlust vor Augen führen, da einem gewollten, aber ungeborenen Kind ja praktisch das Leben genommen würde. Laut Epp könnte niemand den Entwurf ablehnen, weil es um den Schutz der schwangeren Frau ginge.

Der Hammer, der sich hier versteckt, ist folgender: Wenn ein Fötus erstmal als Rechtsperson anerkannt ist, wird Abtreibung zum Mord. In bisherigen Gesetzen wird – in Kanada wie in vielen anderen Staaten – ein Mensch erst dann zum Mensch, wenn er oder sie geboren worden ist. Bis dahin wird der Fötus als Teil der Mutter betrachtet, die deswegen auch legal und straffrei – und nicht wie in Deutschland illegal aber straffrei – abtreiben darf. Zwar schließt der Gesetzesentwurf aus, dass eine Frau für eine Abtreibung angeklagt werden kann, der Präzedenzfall wäre damit allerdings geschaffen. In den USA haben 37 Staaten ähnliche Gesetze verabschiedet, die allerdings selten die Frau gegen häusliche Gewalt beschützen; vielmehr führen sie zu Anklagen gegen schwangere Frauen. In South Carolina wurden drogenabhängige und schwangere Frauen mehrfach wegen Fötusschädigung angeklagt; ein Teenager aus Texas, die eine zu dem Zeitpunkt illegale Abtreibung bei ihrer schwangeren Freundin herbeiführen wollte, wurde wegen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt. In den USA wurden diese Gesetze von Pro-Life-Gruppen lanciert, die damit langfristig Abtreibungen kriminalisieren wollen. In Kanada sieht das ähnlich aus, Ken Epp ist Mitglied von LifeCanada und hat sich schon häufig gegen Abtreibungen ausgesprochen.

Gewalt gegen Frauen, weil sie Frauen oder schwangere Frauen sind, ist real und oft tödlich. Gewalt, die nicht von draußen, sondern von Ehemann, Freund oder Verwandten kommt. Ein Fötusmordgesetz würde an diesem Zustand nichts ändern, Epp und Konsorten geht es nicht um die Abschaffung von Gewalt in den jeweiligen vier Wänden, sondern um den Schutz ungeborenen Lebens gegen den Willen der Frau geht. Das so genannte Familiendrama wird hier als eben solches verstanden.

Sowohl Liberale als auch Konservative stimmten für das Gesetz in der zweiten Lesung Anfang März. Im Parlament machte nur eine seltsame Melange dagegen Stimmung: ein katholischer Priester vom separatistischen Bloc Québecois – der zwar gegen Abtreibung ist, aber mit Liebe und Verständnis und nicht mit Gesetzen überzeugen will – und eine Frau von der sozialdemokratischen New Democratic Party. In Montréal gab es Anfang Juni eine Demo dagegen, trotz Regen waren über 500 Leute da. Die dritte Lesung findet im September statt.

Dr. Henry Morgentaler vs. Order of Canada

Henry Morgentaler wurde von deutschen Nazis nach Auschwitz verschleppt und war bei der Befreiung durch die Rote Armee noch am Leben. Laut einem Interview wollte er nach dem Zufall, der ihn überleben ließ, etwas Positives schaffen; er studierte Medizin in Deutschland und wanderte 1950 nach Kanada aus. Dort ließ er sich in Montreal nieder und machte das erste Mal von sich reden, als er 1969 eine Abtreibungsklinik eröffnete und sogar die Presse in seine Klinik einlud. Zu diesem Zeitpunkt waren Abtreibungen noch ziemlich illegal, ein Arzt konnte lebenslänglich für eine solche Operation eingesperrt werden. Er war auch 10 Monate in einem Montrealer Gefängnis, wurde aber durch eine Gesetzesänderung, die allerdings nichts mit Abtreibungen per se zu tun hatte, rückwirkend freigesprochen.
1988 erklärte der kanadische Supreme Court das damalige Abtreibungsgesetz für ungültig. Laut diesem Gesetz mussten ein aus drei Ärtzt_innen bestehendes Komitee über jede Abtreibung in einem Krankenhaus entscheiden. Momentan gibt es kein Gesetz, dass Abtreibungen regelt, eine Abtreibung wird also wie ein regulärer medizinischer Eingriff behandelt; allerdings gibt es einige Provinzen, in denen die Krankenversicherung die Kosten für eine Abtreibung nicht übernimmt.

Für sein Engagement wurde Morgentaler im Juli in den Order of Canada verliehen. Die konservative Regierung, die mit der Verleihung dieser Ehrung nichts zu tun hat, distanzierte sich. Der katholische Erzbischof von Toronto,Thomas Collins meinte, dass der Order durch diese Verleihung in den Dreck gezogen wurde. Nach und nach gaben mehrere Mitglieder und Abtreibungsgegner ihren Orden zurück.
Die Liberal Party findet es inzwischen gut.

La Belle Province

So heißt hier eine Fast-Food-Kette, die nur in der Provinz Quebec zu finden ist und auf die sich der Name auch bezieht. Früher war dieser auch auf Autokennzeichen zu finden, das offizielle Motto wurde jedoch von der Parti Quebecois geändert und heißt jetzt: Je me souviens – Ich erinnere mich.*
In einer Filiale eben dieser schönen Provinz habe ich heute abend gespeist. Obwohl eine Kette, ist die Stimmung doch eindeutig hausgemachter. Auf jedem Tisch stehen eine Flasche Ketchup und ein Essigspritzer (für die Pommes), die Hotdog- und Burgerbrötchen kommen nicht aus Großverbrauchertüten, sondern aus den im Supermarkt erhältlichen Zwölferpacks. Die Küche ist passend dazu komplett offen einsehbar. Hier gibt es auch keinen Joghurt und keine Obstpackungen, um die Kalorienbomben fruchtig zu verschönbessern. Stattdessen nur das Standardrepertoire: Pommes, Burger, Hotdogs, Onion Rings. Und die für Quebec übliche Poutine: Pommes mit Bratensoße und relativ knatschigem und geschmacklosem Käse.

Essen à la Belle Province

Trotz des schönen Namens entäuscht das Essen. Die bestellten Pommes sind labrig und ungesalzen. Laut meiner Mitbewohnerin werden die Kartoffeln zum Weichwerden extra in eine Mischung aus Wasser und Seven Up eingelegt. Wieviel da jetzt dran ist, weiß ich nicht. Die Frau an der Kasse schreit die Bestellungen in Richtung Koch. Und wie schon woanders angemerkt ist die Standardcola Pepsi und nicht Coke.

Gehört Essen eigentlich auch in die Kategorie Kulturindustrie? Dann wäre nämlich La Belle Province die Version des Immergleichen – in diesem Fall Pommes – für den nostalgischen und damit tendenziell reaktionären Fast-Food-Liebhaber, der mit Drive Thru und Salat nichts anfangen kann. Gleichzeitig ist die Kette der Hotspot für den Quebecois, der oder die stolz darauf ist, im eigenen Bratfett hinzusiechen.

*Woran, das ist vielen Quebecois auch nicht ganz klar. Es bezieht sich auf die Rebellionen von 1837 und 1838, in der sich französischsprachige Patriotes vergeblich für demokratische Strukturen in der damals noch von einem königlich designierten Gouverneur regierten Provinz einsetzten.

Canada Day

Kanada, ungefähr so, wie wir es heute kennen, wurde gestern, also am Dienstag,141 Jahre alt. 1867 wurde die Dominion of Canada als Zusammenführung der vier Provinzen Quebec, Ontario, Nova Scotia und New Brunswick gegründet. Die Provinzregierungen bekamen für ihre Zustimmung eine nationale Eisenbahn und Großbritannien hoffte, dass das vereinigte Land einem ewaitigen Angriff der Vereinigten Staaten besser widerstehen könnte, letztere befanden sich zu dem Zeitpunkt schon im Bürgerkrieg. Das Wort Dominion sollte den schrägen Kompromiss widerspiegeln, den Kanada im damaligen britischen Commonwealth darstellte. Zu dem Zeitpunkt, bis 1947, waren Kanadier_innen britische Staatsangehörige. Zwar abhängig von Großbritannien, genossen Kanadier_innen mehr Rechte als zum Beispiel jene in Indien; Kanada war also mehr als eine Royal Colony, die Mehrheit der Bewohner waren damals schon weiß, aber auch nicht richtig England.

An diesem ersten Juli können Kanadier_innen laut Premier Stephen Harper auf Folgendes stolz sein:

Canada is blessed with resources, a vast northern frontier and a diverse population that includes aboriginal people and immigrants from around the world. He said Canadians should be proud of their work to protect the environment and to help Afghanistan.

Auf die aboriginal people ist Harper besonders stolz, seitdem er sich diesen Monat bei ihren für die in residential schools zugefügten seelischen Schäden entschuldigt hat. Residential schools waren Schulen, die in den 60ern überall im Land von Kirchen betreiben wurden und in die Ureinwohnerkids von den Reservaten hin gebracht wurden, um denen mal so richtig Zivilisation beizubringen. Diese Version von Zivilisation bestand leider nur in Gottesdiensten, körperlicher Zucht und häufig sexuellem Missbrauch. Um das Ganze wieder gut zu machen, gibt es inzwischen auch eine Kommission, auf Grund deren Ergebnisse allerdings niemand angeklagt werden kann. Die Entschuldigung des kanadischen Staates durch Harper ist so nicht mehr als eine hohle Geste; zum drauf stolz sein reicht das aber schon. Die Vertretung der britischen Krone in Kanada, Governour General Michaëlle Jean, hob diese Entschuldigung nochmal positiv hervor:

On that day, all of us together — Inuit, Metis, First Nations and non-aboriginals — joined hands in committing to bridge the gaps entrenched by years of injustice.

Und weil die gute Frau Jean selber nicht in Kanada, sondern Haiti, geboren worden ist, ist das ja auch nicht so schlimm, dass als Vertreterin der Monarchie durch die Gegend ulkt. Ist halt die Frage, ob dass jetzt besser ist, dass eine schwarze Frau hier die Königin vertritt als ein weißer Mann oder ob wirklicher Fortschritt nicht so aussähe, die Monarchie, ihrer Stellvertretung und die gesamte Gesellschaft gleich mit abzuschaffen.

Diesen schmalzigen Knallerzitaten, an deren Wahrheit noch nicht mal die Zitierten glauben mögen, soll die Forderung britischer und später amerikanischer Siedler entgegen gesetzt werden, die vom 17. bis zum 19. Jahrhundert im ständigen Konflikt um Grenzverläufe und andere Sachen befanden. In Anlehnung an Cato den Älteren sagten die sich nämlich gerne:
Delenda est Canada!

Zu deutsch: Kanada ist zu zerstören.

Quebec wie es singt und lacht.

Paradenteilis, Fête nationale 2008, Montréal
24. Juni 2008. Heute ist Saint-Jean-Baptiste-Tag, ursprünglich mal ein katholischer Feiertag zu Ehren Johannes des Täufers. Heute ist das in Quebec immer noch ein Feiertag, heißt aber Fête nationale. Und feiern tut sich da die francophone Mehrheit Quebecs für ihr Francophonsein.
Dieses Jahr ist dieser Feiertag aber etwas ganz Besonderes: Die Stadt Quebec wurde vor 400 Jahren gegründet, damit begann die francophone Präsenz in Nordamerika. An diesem Tag findet alljährlich eine Parade in Montréal statt, eine Mischung aus Karneval und politischer Demo. Leute kleiden sich bevorzugt in blau und trinken auf offener Straße. Die Parade sieht aus wie einer großer Karnevalszug mit Tanzgruppen, Wagen und Kostümierten. Nur Süßes gibt’s keins. Das Ganze hat Volksfestcharakter und endet mit einem Konzert von francophonen Bands in einem Park mit Picknickmöglichkeit. Damit wäre eigentlich auch schon alles gesagt, Zehntausende wurden erwartet, Zehntausende waren da. Unter anderem auch Premierminister Stephen Harper, der meinte, dass seine konservative Partei die wirklichen Nationalisten sind und dass Quebec in Kanada bleiben soll. Das ganze Fest ist also nicht zwangsläufig separatistisch, wie die blaue Variante der Luftballons der föderalistisch orientierten Liberal Party zeigen. Eine alberne Selbstbeweihräucherung bleibt es aber trotzdem. Mitmachen und damit einverstanden sein, morgen wieder arbeiten gehen zu dürfen. Oder mitmachen und sich dafür einsetzen, unter anderer, blauer Flagge morgen wieder arbeiten gehen zu dürfen. Quebec ist ja so verschieden, ist ja auch der einzige Ort in Nordamerika wo mehr Pepsi als Coca Cola verkauft wird (echt jetzt). Und darauf bilden wir uns jetzt mal alle was ein.
Liberal Party-Luftballons, Fête nationale 2008, Montréal

Nicht ganz so albern ist eine neue Ausstellung im Museum der schönen Künste in Montréal zu Künstler_innen des “Refus global”-Manifestos, auf deutsch “Komplette Verweigerung”. Letzteres wurde vor 60 Jahren in Montreal in Heftform veröffentlicht, die Verfasser_innen nannten sich Automatistes und waren schwer vom französischen Surrealismus der Zeit beeinflusst. Das Manifest kritisierte die katholische Kirche, den Nationalismus und Konservatismus der Zeit. Die Kirche und die populistische Union Nationale hatten die Provinz damals fest in der Hand. Die Kritik war überfällig, wurde aber nicht begeistert aufgenommen: Das kritisierte Klima schlug zurück. Der Autor des Manifests und Kopf der Gruppe, Paul-Émile Borduas verlor seine Anstellung an der staatlichen Kunsthochschule und noch Jahre später wurden Arbeiten aus dem Kreis explizit nicht in einer Ausstellung quebcscher Künstler_innen gezeigt. Heute sieht das ein bisschen aus. Zwar wurde besagte Ausstellung im Keller in drei niedrigen Räumen versteckt, trotzdem gelten die Automatisten als ein der Einbruch der modernen, abstrakten Kunst in Quebec. Da kann mensch ja auch nur stolz drauf sein. Nicht umsonst bemerkten Leute aus Rhode Island einmal, dass sich hier ja alles “urbain” bzw. “urban” schimpfen würde.

Also jedem sein Pläsierchen, die einen können sich ausnahmsweise mal in der Öffentlichkeit betrinken, ansonsten ist das hier wie im Rest von Nordamerika eher verboten; die anderen können sich die totale Verweigerung – immerhin zitierte Borduas die französische, spanische und russische Revolution und wendet sich gleichzeitig gegen Parteikommunismus – zur Zusage zum Hier und Jetzt ohne klerikale Bevormundung umbiegen. Super Sache, das.

Aber auch die andere Hälfte der Stadt bzw. die anderen drei Viertel des Landes lassen nicht auf sich warten: Nächste Woche ist Canada Day!

Der Text des Manifestos im Original und auf Englisch.

Kanadischer Nationalismus, Teil 1

Weil länger mal hier nichts kam, hier was längeres. Mein Problem mit diesem Medium: eignet sich mehr für Anekdoten, Anekdoten die aber ohne Hintergrundwissen bezüglich der kanadischen Umstände wenig Sinn machen oder so noch weniger lustig sind als sonst. Hier also erstmal etwas Hintergrund. Mehr beim nächsten Mal.

Nationalismus hat überall dieselbe Funktion: Leute mit dem Elend, das Alltag heißt, und seinen Bewohnern anzufreunden. Frei nach Knarf Rellöm ist das Motto: stolz darauf zu sein, zufällig hier geboren zu sein. Das Kollektiv, in dem mensch feststeckt und auf das mensch qua Sprache und Geschichtsunterricht ständig zurückgeworfen ist, wird gefeiert. Nicht umsonst ist die Antwort im Ausland auf die Frage “Wo kommst du denn her?” häufig nicht “Vom Klo.” sondern aus dem entsprechenden Heimatland.
In Kanada ist das auch so. Das “Und wie jetzt genau?” soll hier berichtet werden. Dargestellt wird hier ein allgemein geläufiges Narrativ, dass einem sowohl in Geschichtsbüchern, Alltagsgesprächen und Reiseführern entgegenschlägt. Dieser Bericht ist ein Destillat, in der Fülle und genauso ist der Nationalismus wahrscheinlich nicht anzutreffen. Und schonmal vorab: Nationalismus ist auch in Kanada eine höchst irrationelle Sache. Menschen sind auch hier auf Sachen stolz, die entweder in keinem Zusammenhang mit ihren Lebensumständen stehen aber diese Umständen verklären und lebenswerter erscheinen lassen.
Dieser Beitrag befasst sich nur mit dem anglophonen Nationalismus in Kanada. Der frankophone, der heutzutage meist ein quebecscher Nationalismus ist, wird kritisiert.

Geographie
“The Great White North – Strong and True” ist ein Motto, dass sich sowohl auf Touri-T-Shirts als auch auf Pickups findet. Hier wird Natur – unberührt, groß, stark – auf die Bewohner eben dieser übertragen. Der Slogan ist ein rassistischer Mythos: Das Weißsein bezog sich neben dem Schnee auf die Hautfarbe der anglophonen Siedler, die die angeblich menschenleere und unberührte Natur als Holzfäller, Farmer und Fischermänner urbar machten. Ureinwohner, ob Inuit oder Indianer, kommen nicht vor oder werden eben als Teil der Natur gesehen.
Aber auch in seiner bereinigten und multikulturellen Variante spielt das Ganze noch heute eine Rolle. Die Idee vom Kampf des Menschen gegen eine grundsätzlich riesige, leere und tendenzielle Umwelt in Form von Schnee trägt ebenso zur Identitätsfindung bei wie die schiere Größe des Landes. Das offizielle Motto Kanadas ist nicht umsonst “a mari usque ad mare” – vom einen Meer zum anderen.
Die Größe und die Naturhaftigkeit des Landes haben mit dem Alltag der meisten Menschen wenig zu tun. Das Gros der Menschen wohnt in einem der urbanen Zentren nahe der amerikanisch-kanadischen Grenze und bekommt Natur eben im Park oder im Urlaub zu Gesicht. Die Pampabewohner sind häufig genug in der Ausbeutung eben dieser Natur beschäftigt, in der Landwirtschaft oder in der Rohstoffgewinnung. Heute ist das vor allem Ölsandraffinerie in Alberta und Aluminium, früher waren das eine ganze Latte von Rohmaterialien, wie unter anderem so geniale Städtenamen wie Asbestos, QC bezeugen. Der wirkliche White North ist nur von einer Minderheit besiedelt, die Mehrheit von ihnen Inuit, die sowohl in der Geschichte als auch in der aktuellen Politik eher eine untergeordnete Rolle spielen. Die Irrelevanz zeigt sich auch in der offiziellen Bezeichnung, die drei nördlichen Gebiete sind “Territorien” während die 10 an das Hauptgebiet der USA angrenzenden Teile “Provinzen” sind.

Das Wappentier
Das kanadische Tier ist der Biber. Er wurde als Symbol gewählt, weil Kanadas Hauptexport bis in das 18. Jahrhundert Biberfelle waren, die in Europa zu Hüten verarbeitet wurden. Heute steht der Biber für Fleiß des Häuslebauen in der Wildnis, für den Willen den Elementen zu trotzen, etc. Wichtig dabei ist, dass der Biber Pflanzenfresser ist; so passt er ganz gut zum pazifistischen Selbstbild.

Geschichte
Kanadische Geschichte präsentiert sich gern als eine von freundlichen und korrekten Verlierern. Die ersten frankophonen Siedler, die sich an der Atlantikküste und am St Lorenz-Strom niederließen waren im Vergleich zu den englischen Kolonisten nie wirklich viele. Außerdem gab es keine weitreichende Selbstverwaltung wie in den englischen Kolonien. Als Spielball europäischer Politik wurde fast der gesamt französische Kolonialbesitz in Nordamerika 1763 an Großbritannien übergeben. Als nächste Gruppe von Verlierern kamen während und nach dem amerikanischen Unabhängigkeitskrieg viele Loyalisten in die kronloyalen kanadischen Provinzen. Letztere hatten in den neu gegründeten Vereinigten Staaten auf Grund ihrer monarchistischen Gesinnung eher Probleme.
Diese Loyalisten und andere Immigranten die vom Vereinigten Königreich aus nach Kanada kamen, verstanden sich als Subjekte des britischen Königshauses, bis in die Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts war der Union Jack fester Bestandteil der kanadischen Flagge. Heute noch ist die britische Königin Staatsoberhaupt, vertreten durch eine Governor General.
Kanada war lange kein souveräner Staat. Es gab nie eine erfolgreiche bürgerliche Revolution in Kanada, die Versuche, die 1837-38 gestartet wurden, wurden von der britischen Armee niedergeschlagen. Die Vereinigung der damals vier Provinzen zur Dominion of Canada, 1876, fand nur mit Willen und Genehmigung Englands statt. Bis in die 1980er wurde die kanadische Verfassung in London aufbewahrt, nur das britische Unterhaus konnte diese ändern.
Ein genuin kanadischer Nationalismus entwickelte sich erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Zu dem Zeitpunkt fühlten sich laut dem kanadischen Narrativ mehrere englischsprachige Bewohner Kanadas von Great Britain übers Ohr gehauen. Im ersten Weltkrieg wurden kanadische Soldaten, unter britischer Führung, als Kanonenfutter eingesetzt und im Streit um die Grenzen von Alaska zu Beginn des 20. Jahrhunderts schlug sich England auf die Seite Amerikas und ließ die eigene Dominion im Stich. So löste sich der Nationalismus von Groß-Britannien und wurde eigenständig.
In der hauseigenen Geschichtsschreibung erscheint Kanada als Spielball der europäischen und amerikanischen Großmächte und gilt manchmal als ehrlicher Makler zwischen diesen, vor allem im 20. Jahrhundert. In diversen Geschichtsbüchern erscheinen die amerikanischen Revolutionäre als hotheads, also als Spinner, die das Spiel etwas zu weit treiben. Die United Empire Loyalists, die nach Kanada flohen und den Grundstock der anglophonen Bevölkerung der Provinz Ontario bilden, stehen stattdessen als vernünftige Leute da, die zwar kein Problem mit Demokratie haben, dafür aber Gewalt ablehnen.

Pazifismus
Und ohne erfolgreiche und notwendigerweise gewaltsame Revolution zu Hause und als ehemaliges Opfer der alten und neuen Großmächte setzte sich die kanadische Politik nach dem zweiten Weltkrieg international für den Pazifismus ein. So gilt der damalige Premier Kanadas, Lester B. Pearson, als Erfinder der UN-Friedenstruppen. Und überhaupt muss sich ja ein Nationalstaat ohne ausreichend superior firepower ja auch irgendwo sein Plätzchen suchen. Mit dem Pazifismus der alten Schule ist es aber seit dem neuen Jahrtausend etwas vorbei, Kanada beteiligt sich am Afghanistanfeldzug der NATO und stellt einen Großteil der Truppen. Ähnlich wie in Deutschland wurde beim Irakkrieg dann doch wieder die Peacenikkarte gezückt.

Besser als nichts

Auch wenn es nicht ganz zum Thema des Blogs passt: Weil es hier lange nichts mehr gab und ich grad andersweitig beschäftigt bin, folgendes, was hier für ein Magazin geschrieben wurde, was da vielleicht auch erscheint. Wenn nicht, wäre es auch nicht schlimm, denn zwar ist das Heft typographisch interessant, aber auf der hp verlinken die Tadamon! – die eifrige Leser_innen ja vielleicht ja noch von der antisemitischen Demo kennen. Nebenbei: was fällt Tadamon zum 8. Mai ein, zum 60. Geburtstag Israels und gleichzeitig 63. Jahrestag des Endes der deutschen Barbarei? Genau, ein Konzert mit “Artists against Israeli Apartheid”.
Gut, hier nun die feature presentation. Zum Hintergrund: Das Thema der Ausgabe ist Radical Beauty – Subversive Beauty. Passend zum Verlinken von Tadamon! wünschen sich die Macher des Heftes zu dem Thema “to move away from the criticism, cynicism and self-effacing irony towards something more celebratory and empowering. The time feels ripe for it.” Wieso grade heute ein empowerment anstehen soll und nicht schon vor 100 Jahren, bleibt da offen. Ebenso, was es denn heute zu feiern gäbe.

just a minor thread

I was frustrated when I went to see a Mahler concert on Monday. I was frustrated not because of the œuvre itself but because I was not able to understand what Mahler was trying to say. For me, the tuning of the instruments at the beginning sounded like the weird welcome sound on a computer. The only interpretations with which I came up were in the vein of “This sounds a lot like the Imperial March in Star Wars.” The musical forms he employed that seemed revolting or revolutionary in his times are common language in every film score today. Although people listen to similar music in the cinema or on DVD, they don’t understand it. Listening to music as a film score destroys the sense of the music much in the same way as listening to it as the soundtrack of one’s dishwashing. Most people don’t have the education or the time it takes to understand art, myself included. It’s not only that, though. It’s the ugliness of everyday life that keeps people from understanding and realizing beauty. This society and its inhabitants are repulsive, boring and nerve-wrecking because society works against its own residents. To survive and to be able to compete on a daily basis, to be able to take the same crap day by day, they in turn harden into robots.

Each photo of dawn in the park, every poem that describes the joy of drinking a glass of water, every film that depicts the happy life of simple people turns out to be a lie—it veils the daily misery. Even the depiction of an oily puddle is, often enough, only a modern form of that aestheticizing of the eyesore that life is today. Radical beauty does not depict ugly things in a beautiful way; it rather implictly tries to go beyond the abstract societal force that produces the wretchedness of people and their culture. Subversive beauty is the depiction and critique of the absence of beauty and not the false idealization and justification of this absence. A call for subversive beauty is not a call for propaganda, for a reform project, or for seemingly progressive indie pop or breakcore. It demands the abolition of society as we know it, at a point in time where this does not seem possible at all. Faced with the aestheticizing of today’s mess, as Benjamin put it, “Communism responds by politicizing art.”

Hockey, les Canadiens und die Gewalt.

Hockey Violence

Michael Moore hat einmal gesagt, dass mensch den Unterschied im Gewaltniveau zwischen Amerika und Europa schon am bevorzugten Sport ablesen kann: American Football sei nun mal viel brutaler als Fußball. Dieser wohl als Aphorismus gemeinte Blödsinn blamiert sich gleich auf mehreren Ebenen. So ist American Football nur einer der vier populären Sportarten in den USA, wäre Baseball als Vergleichsobjekt herangezogen worden, wäre das Verhältnis umgekehrt.
Insgesamt ist es ein bisschen albern, von Sportarten auf Mentalitäten zu schließen. Vom dem Bild, was Kanadier_innen gerne von sich machen und das außerhalb des Landes auch gerne geglaubt wird, passt da nämlich der Nationalsport gar nicht: Ice Hockey.
Hockey ist ein schneller und vergleichsweise körperintensiver Sport. Es ist legal, Leute zu rammen und in die Bande zu knallen. Außerdem scheinen Prügeleien zwischen Spielern zur Regel zu gehören, sowohl in der NHL als auch in niedrigeren Ligen. Vor Kurzem hatte die quebecsche Ministerin für Bildung, Freizeit und Sport weniger Gewalt im Jugendhockey gefordert, nachdem es zu mehreren Prügeleien auf dem Eis gekommen war.
So wie in Deutschland Fußball ein integraler Teil des Nationalismus ist – mensch denke nur an das “Wunder von Bern” und an die Feierei und das Fahnenmeer zur WM 2006 – ist es in Kanada eben Hockey.

Das „National“ in National Hockey League bezieht sich auf Kanada, die Liga wurde Anfang des 20. Jahrhunderts in Montreal gegründet, das Montrealer Team, die Canadiens, ist Gründungsmitglied und hat am häufigsten die Meisterschaft, den Stanley Cup, gewonnen. Zufälligerweise hat das Team die selben Vereinsfarben wie bei Bayern München. Aktualität hat das Thema durch die Playoffs, die grade jeden Abend flächendeckend – von 7 Uhr Abends bis 3 Uhr Morgens – auf dem anglophonen Kanal des öffentlichen Fernsehens CBC gefeatured werden. Die Sendung heißt programmatisch “Hockey Night in Canada”. Genug Material ist da, eine Runde kann bis zu 7 Spiele zwischen den selben Teams lang sein. Die Canadiens hatten sich für die Playoffs qualifiziert, die erste Runde überstanden und standen gestern im Viertelfinale um den Stanley Cup.

Nationalistisch aufgeladen ist das Spiel dadurch, dass kanadische und amerikanische Teams in der NHL spielen. So wurde das gestrige Spiel, dass die Canadiens gegen die Philadelphia Flyers verloren, zu einem Spiel darum, ob ein kanadisches Team in den Playoffs bleibt, die anderen fünf Teams aus Kanada haben sich nicht qualifiziert oder sind schon vorher rausgeflogen, “meaning hockey’s top prize will head south of the border.“
Schade, Schade. So wie mit Fußball in Deutschland, wird hier ein Brimborium an Fahnen und Gedöns aufgebracht, wenn es ernst wird: Viele Autos hatten kleine Canadiens-Fähnchen am Fenster, Feuerwehrleute bekamen Stress weil sie unerlaubterweise das Logo der Canadiens auf ihr Garagentor gemalt hatten und in den Linienanzeigen der Busse wurde “Go Canad Go!” eingeblendet, weil nicht mehr Platz war. Und gewalttätig wurde es nicht nur auf dem Eis, sondern auch auf der Straße. Vorletzte Woche Montag, als die Canadiens gegen den ersten Playoffsgegner, die Boston Bruins gewonnen hatten, wurden anschließend 16 Polizeiautos und mehrere Geschäfte um das Stadium herum demoliert.

Die Canadiens sind durch ihre Geschichte Ausdruck mehrerer Konfliktlinien innerhalb Kanadas. So wurde das einzige nominell frankophone Team der NHL – Quebecois haben schon immer auch in anderen Teams gespielt – von anderen Fans und Vereinen als “Habitants” beschimpft – das französische Wort für den einfachen Bauern, der im 17. und 18. Jahrhundert aus Frankreich nach Quebec kam. Inzwischen ist dieser Begriff von Fans der Canadiens umgedeutet worden, der Schlachtruf vor allem anglophoner Fans ist “Go Habs Go!”
Des Weiteren wurden die Canadiens zu einem Symbol in dem innerquebecschen
Konflikt um Unabhängigkeit von Kanada. In den 80ern und 90ern gab es in Quebec Ville ein weiteres NHL-Team, die Quebec Nordiques, die mit blauen Trikots mit der Fleur de Lis spielten, letztere ist auch auf der quebecschen Flagge zu finden. Durch die roten Trikots und ihren Namen wurden die Canadiens zum Stellvertreter des Föderalismus, die Nordiques eben zum Team der Separatisten. Da beide Teams in der Periode ziemlich gut waren, gerieten sie auch in den Playoffs aneinander. Der Höhepunkt der Reibereien war ein Spiel im Jahre 1984, bei dem sich die beiden Teams in voller Besetzung für 10 Minuten lang geprügelt haben, auch der Schiedsrichter bekam was ab.

In dieser Energie, in 12 Leute und einen Puck auf einer ovalen Fläche investiert wird, zeigt sich, was Ideologie alles leisten kann. Die moderne Gesellschaft setzt Menschen sowohl in Konkurrenz zueinander, als auch in Kollektive, die sich diese nicht aussuchen. So, wie die Leute hier und heute sind, reproduzieren sie das nochmals in klein. Es gibt so Teams, wo Leute drin sind und zwar auch untereinander in Konkurrenz stehen – um Anerkennung, Gehalt, und Torschusschancen – aber als Gruppe dann gegen eine andere Gruppe kämpfen. Die Form des Balls und die Art der Beförderung ist dabei erstmal egal. Und das finden dann alle toll und alle fiebern mit. Sport ist nicht einfach nur so existent, sondern reproduziert die Situation des Individuums heute, auch im Individualsport ist mensch immer Mitglied und Vertreter_in eines Sportvereins oder eines Landes. Begeisterung für die ästhetische Reproduktion der abstrakten, die den Leuten sowieso schon jeden Tag gegenüber tritt.

Schöne neue Welt

Nur grade eine kleine Anekdote, eigentlich schreibe ich grade Hausarbeiten. Beim Schreiben meines Lebenslaufs für Aushilfsarbeit ist mir ein Unterschied zwischen Nordamerika und Europa aufgefallen. Deutsche Lebensläufe enthalten Daten wie das Geburtsdatum und den Familienstand, manchmal auch die Nationalität.* Wegen dem kanadischen Antidiskriminierungsgesetz dürfen potentielle Arbeitgeber_innen jedoch nicht nach solchen Sachen fragen und Arbeitssuchenden wird davon abgeraten, sie in den Lebenslauf zu schreiben. Fotos gehören da auch nicht hin. Das einzige was zählt sind Name, Adresse, Ausbildung, Fertigkeiten.
Diskriminierung wird so schon wirkungsvoll bekämpft. Wenn überhaupt nichts bekannt ist außer den Skills, dann kommt mensch gar nicht erst in Versuchung. Andererseits macht das klar, was Freiheit und Gleichheit in dieser Gesellschaft bedeuten. Die Gleichheit, auf Grund von Fähigkeiten ausgesucht zu werden, auf Grund der reinen Nützlichkeit und nicht wegen überkommender Ressentiments; auf Grund von Freiheit, das heißt Abwesenheit, von Lebensmitteln gezwungen zu sein, mit seinen Fähigkeit eines Jobs wegen umzuziehen. Auf Beratungsseiten für Arbeitssuchende wird einem erzählt, dass der Lebenslauf zusammen mit dem Anschreiben das Mittel ist, mit dem mensch sich der Welt präsentiert, und zwar dem Teil der Welt, der einen nicht unerheblichen Einfluss darauf hat, was mensch denn dann so macht. Arbeit (als 8-Stunden-Tag) bestimmt grob die Hälfte der Wachzeit eines Erwachsenen und ist eben einer der Gründe, warum Menschen umziehen, wo sie Freunde und Bekannte kennen lernen und wo sich ein großer Teil der alltäglichen Mischung aus Stress und Langeweile aufbaut. Womit mensch sich dieser Welt präsentiert, das sind Fähigkeiten.
Mit Foto und anderen Daten, die mit dem Job nicht wirklich etwas zu tun haben, glauben Arbeitnehmer_innen in Deutschland vielleicht, sich ein besseres, ein “ganzheitliches” Bild von jemand machen zu können. Natürlich ist es bescheuert genug, wenn sich Individualität an Geschlecht, Hautfarbe, Nationalität und Familienstand festmachen lassen soll und sich Leute auch so begreifen.
Was sich also in den Lebensläufen in Nordamerika mehr manifestiert, ist das gesellschaftliche Faktum, dass Menschen nicht als solche wichtig sind, sondern nur Mittel zum Zweck. Deswegen ist es hier nicht menschenfeindlicher als in Deutschland, nur wird diese Tatsache etwas offener ausgesprochen. Ganz unsentimental wird festgestellt, was den Kapitalist_in an den Arbeitswilligen interessiert: die Ware Arbeitskraft, die Hautfarbe und das Geschlecht des Träger dieser Ware sind Beiwerk. So sind Menschen in dieser Gesellschaft vor allem Arbeitskräfte und so stellen sie sich in ihrem Lebenslauf auch vor.
Natürlich ist es besser, wegen der Fähigkeiten und nicht wegen seiner Nationalität oder Hautfarbe für einen Job ausgesucht zu werden. Umgekehrt heißt das aber, dass das Individuum an sich nicht wichtig ist. Das Resultat dieser Logik ist, dass Menschen ohne Fertigkeiten gar nicht zählen. Und nur weil mensch bei der Jobsuche keinem – oder weniger – Rassismus und Sexismus ausgesetzt ist, heißt das nicht, das eben Arbeiten dann jetzt auf einmal superviel Spaß macht – oder auch, dass Leute auf der Arbeit selbst nicht diskriminiert werden. Dass es so ein Gesetz in Kanada gibt, heißt ja immerhin auch, dass es Diskriminierung gibt. Nur scheint der Staat hier weit mehr geneigt, Rassismus zu bekämpfen, als das in Deutschland der Fall ist.
Natürlich ist es immer noch wichtig, gegen Diskriminierung, die vor allem in Deutschland häufig genug mörderische Formen annimmt, zu kämpfen. Dabei sollte mensch sich aber bewusst sein, dass das nicht mehr und nicht weniger als militanter Humanismus der liberalen Schule ist. Und das heißt unter sonst gleichen (das heißt kapitalistischen) Umständen: gleiches Elend für Alle. Das wird an einer Szene aus Ghost Dog klar: Zwei Gangster werden von einer Streife angehalten, der eine Gangster erschießt die Polizistin. Auf den sexistischen Protest seines Kollegen, er habe da grade eine “Braut” erschossen, antwortet dieser: “Einen Bullen hab ich erschossen. Wenn schon Gleichberechtigung, dann doch bitte gleich richtig.”

*Zwei deutsche Beispiele: Eins, Zwei; und zwei kanadische.

Auch Leute mit jüdischen Vornamen…

David Ahenakew

können Antisemit_innen sein. Eigentlich ist das klar; solange einem aber Leute erzählen, die Hamas könnte gar nicht antisemitisch sein, “weil, die sind ja selbst Semiten”, scheint etwas Klarstellung angebracht. David Ahenakew ist aber nicht wegen seines Namens, sondern seiner Rolle in der autochthonen Community ein erwähnenswerter Fall von Antisemitismus. Außerdem kann mit einem Porträt seinerseits mit Klischees über Ureinwohner_innen in Kanada aufgeräumt werden.* Im europäischen Gespräch über Kanada kommen diese nämlich selten vor, und wenn, dann als Opfer. Auf den Reservaten herrschen zweifellos schreckliche Zustände, der Lebensstandard ist im Durchschnitt um einiges geringer als jener der alltäglichen Kanadier_in. Und mit Rassismus haben als Ureinwohner_innen Klassifizierte auch zu kämpfen, der Vorwurf der Faulheit wird sowohl in den Abendnachrichten als auch am Esstisch erhoben.
Nun ist die Gegendarstellung häufig genauso scheiße: die letztendlich alberne Annahme, benachteiligte und mehr als andere diskriminierte Menschen würden etwas aus ihrem Status lernen, als wären sie deswegen aufrichtige und bessere Menschen. So wie die Geschichte des 20. Jahrhunderts das marxistisch-leninistische Diktum von der besonderen Erkenntnisposition des Proletariats gewaltsam verneinte, ist David Ahenakew die personifizierte Negation der romantisierenden Indianerdarstellung, die ein integraler Teil des Antiamerikanismus ist. In Deutschland ist diese virulent, mensch denke nur an Karl May – der aufrichtige Indianer Winnetou und sein Freund Old Shatterhand, ein deutscher Emigré, kämpfen gegen die geldgierigen Amerikaner – oder an die Hippieversion der Chose – der Ureinwohner als naturverbunden, peacig und irgendwie authentischer, halt.
David Ahenakew war früh Soldat geworden, wie viele andere Autochthone, und war unter anderem in Deutschland und Korea stationiert. Nach seiner Armeezeit wurde er in den 60ern in der Federation of Saskatchewan Indian Nations (FSIN) aktiv und dort in den Vorstand gewählt. In Zusammenarbeit mit kanadischen Ämtern arbeitete er zur Bildungspolitik die sich an Autochthone richtete und wurde dafür 1978 mit dem Order of Canada ausgezeichnet, dem kanadischen Bundesverdienstkreuz. 1982 wurde er zum Häuptling der Assembly of First Nations gewählt, letztere vertritt die Belange kanadischer Autochthoner gegenüber der kanadischen Regierung.
Soweit, so gut. In die negativen Schlagzeilen hingegen geriet Ahenakew durch ein Interview mit einer Regionalzeitung aus der Provinz Saskatchewan im Dezember 2002. Dort gab er seine Ansichten über Hitler, den Holocaust und Israel pointiert zu Protokoll:
“The Jews damn near owned all of Germany prior to the war. That’s how Hitler came in. He was going to make damn sure that the Jews didn‘t take over Germany or Europe. That’s why he fried six million of those guys, you know. Jews would have owned the goddamned world. And look what they‘re doing. They‘re killing people in Arab countries.”
Wer hatte ihm das verraten? Ahenakew verwies auf Deutsche, die im das während seines Militärdienstes in Deutschland erzählt hätten. Ein dezenter Hinweis darauf, dass in den deutschen 50ern nicht das große Schweigen über die eigenen Verbrechen herrschte sondern schon gewaltig entschuldigt wurde bzw. derselbe Vernichtungsantisemitismus immer noch am Start war.
In Folge des Interviews wurde Ahenakew angeklagt und wegen Volksverhetzung verurteilt. Ahenakew ließ das nicht auf sich sitzen und kämpfte durch alle Instanzen, letztendlich wurde das Urteil 2006 revidiert. Grund war nicht der unzweifelhaft antisemitische Inhalt seiner Äußerungen; für den amtierenden Richter war nicht auszuschließen, dass Ahenakew das Tonband nicht gesehen hatte und die Äußerungen somit gar nicht für die Öffentlichkeit bestimmt waren. Der Reporter, der Ahenakew interviewt hatte, gab jedoch zu Protokoll, dass Ahenakew direkt in das Tonbandgerät gesprochen hätte. Ein neues Gerichtsverfahren wurde angeordnet, steht aber noch aus. Der Order of Canada wurde Ahenakew trotzdem aberkannt.
Ahenakew hat sich für seine Äußerungen entschuldigt und schob die Schuld auf Alkoholkonsum. Das hinderte ihn jedoch nicht daran, in einem späteren Interview von einer jüdischen Kontrolle der Medien zu schwafeln:
When a group of people, a race of people can control the world media, then there’s got to be something done about that.” Außerdem ließ er sich in seinem Prozess von Doug Christie vertreten, der schon fürden Neonazi Ernst Zündel und den Altnazi Michael Seifert gearbeitet hatte. Seine Entschuldigung wirkt so ziemlich unglaubwürdig.
Anfang April 2008 geriet Ahenakew wiederum in die Schlagzeilen, da er wieder in den Vorstand der FSIN gewählt worden war. Er lehnte das Amt jedoch ab, da die kanadische Regierung damit drohte, die Förderung für die FSIN zu kürzen, sollte Ahenakew das Amt annehmen.

*Klar ist, dass dieser Eintrag das Thema nicht im Ansatz ausreichend beleuchtet. Ich dachte nur, dass ein Typ mit Bürstenhaarschnitt, Brille und antisemitischem Mindset schonmal ein Beispiel dafür ist, dass die Realität ganz anders aussieht als die Imagination. Mehr dazu, wenn ich mich vernünftig informiert habe.