Jedes Sommerloch braucht eine Debatte. In Kanada handelt es sich dabei diesen Sommer um Abtreibung. Einmal gibt es einen Gesetzesentwurf, der den Fötusmord zur Strafsache machen will; außerdem wurde Henry Morgentaler, ein Artz der in den 80ern illegal Abtreibungen durchführte, Anfang Juli das kanadische Bundesverdienstkreuz, der Order of Canada, verliehen. Das führte nun dazu, dass mehrere Mitglieder dieses Order of Canada ihre Medaillen in Protest zurückschickten.
Fötusmord?
Der Teufel steckt im Detail. Ken Epp, konservativer Abgeordneter des kanadischen Unterhauses, brachte 2007 einen kleinen Änderungsvorschlag ins Parlament ein, die Bill 484. Der Vorschlag sieht vor, den Criminal Code dahingehend zu ändern, dass eine Person für den Tod eines ungeborenen Kindes im Bauch der Mutter zu bestrafen ist, wenn diese Person die Mutter schädigt oder tötet. Das heißt, jemand könnte für den Mord an einer schwangeren Frau für zwei Morde angezeigt werden, wenn der Fötus nicht überlebt. Das klingt auf den ersten Blick vielleicht ganz human – und so argumentierte Epp auch im Parlament: mensch müsse sich nur den Verlust vor Augen führen, da einem gewollten, aber ungeborenen Kind ja praktisch das Leben genommen würde. Laut Epp könnte niemand den Entwurf ablehnen, weil es um den Schutz der schwangeren Frau ginge.
Der Hammer, der sich hier versteckt, ist folgender: Wenn ein Fötus erstmal als Rechtsperson anerkannt ist, wird Abtreibung zum Mord. In bisherigen Gesetzen wird – in Kanada wie in vielen anderen Staaten – ein Mensch erst dann zum Mensch, wenn er oder sie geboren worden ist. Bis dahin wird der Fötus als Teil der Mutter betrachtet, die deswegen auch legal und straffrei – und nicht wie in Deutschland illegal aber straffrei – abtreiben darf. Zwar schließt der Gesetzesentwurf aus, dass eine Frau für eine Abtreibung angeklagt werden kann, der Präzedenzfall wäre damit allerdings geschaffen. In den USA haben 37 Staaten ähnliche Gesetze verabschiedet, die allerdings selten die Frau gegen häusliche Gewalt beschützen; vielmehr führen sie zu Anklagen gegen schwangere Frauen. In South Carolina wurden drogenabhängige und schwangere Frauen mehrfach wegen Fötusschädigung angeklagt; ein Teenager aus Texas, die eine zu dem Zeitpunkt illegale Abtreibung bei ihrer schwangeren Freundin herbeiführen wollte, wurde wegen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt. In den USA wurden diese Gesetze von Pro-Life-Gruppen lanciert, die damit langfristig Abtreibungen kriminalisieren wollen. In Kanada sieht das ähnlich aus, Ken Epp ist Mitglied von LifeCanada und hat sich schon häufig gegen Abtreibungen ausgesprochen.
Gewalt gegen Frauen, weil sie Frauen oder schwangere Frauen sind, ist real und oft tödlich. Gewalt, die nicht von draußen, sondern von Ehemann, Freund oder Verwandten kommt. Ein Fötusmordgesetz würde an diesem Zustand nichts ändern, Epp und Konsorten geht es nicht um die Abschaffung von Gewalt in den jeweiligen vier Wänden, sondern um den Schutz ungeborenen Lebens gegen den Willen der Frau geht. Das so genannte Familiendrama wird hier als eben solches verstanden.
Sowohl Liberale als auch Konservative stimmten für das Gesetz in der zweiten Lesung Anfang März. Im Parlament machte nur eine seltsame Melange dagegen Stimmung: ein katholischer Priester vom separatistischen Bloc Québecois – der zwar gegen Abtreibung ist, aber mit Liebe und Verständnis und nicht mit Gesetzen überzeugen will – und eine Frau von der sozialdemokratischen New Democratic Party. In Montréal gab es Anfang Juni eine Demo dagegen, trotz Regen waren über 500 Leute da. Die dritte Lesung findet im September statt.
Dr. Henry Morgentaler vs. Order of Canada
Henry Morgentaler wurde von deutschen Nazis nach Auschwitz verschleppt und war bei der Befreiung durch die Rote Armee noch am Leben. Laut einem Interview wollte er nach dem Zufall, der ihn überleben ließ, etwas Positives schaffen; er studierte Medizin in Deutschland und wanderte 1950 nach Kanada aus. Dort ließ er sich in Montreal nieder und machte das erste Mal von sich reden, als er 1969 eine Abtreibungsklinik eröffnete und sogar die Presse in seine Klinik einlud. Zu diesem Zeitpunkt waren Abtreibungen noch ziemlich illegal, ein Arzt konnte lebenslänglich für eine solche Operation eingesperrt werden. Er war auch 10 Monate in einem Montrealer Gefängnis, wurde aber durch eine Gesetzesänderung, die allerdings nichts mit Abtreibungen per se zu tun hatte, rückwirkend freigesprochen.
1988 erklärte der kanadische Supreme Court das damalige Abtreibungsgesetz für ungültig. Laut diesem Gesetz mussten ein aus drei Ärtzt_innen bestehendes Komitee über jede Abtreibung in einem Krankenhaus entscheiden. Momentan gibt es kein Gesetz, dass Abtreibungen regelt, eine Abtreibung wird also wie ein regulärer medizinischer Eingriff behandelt; allerdings gibt es einige Provinzen, in denen die Krankenversicherung die Kosten für eine Abtreibung nicht übernimmt.
Für sein Engagement wurde Morgentaler im Juli in den Order of Canada verliehen. Die konservative Regierung, die mit der Verleihung dieser Ehrung nichts zu tun hat, distanzierte sich. Der katholische Erzbischof von Toronto,Thomas Collins meinte, dass der Order durch diese Verleihung in den Dreck gezogen wurde. Nach und nach gaben mehrere Mitglieder und Abtreibungsgegner ihren Orden zurück.
Die Liberal Party findet es inzwischen gut.